Entfall der Festumzugssaison

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Der Begriff „Brauch“ kommt von brauchen, meint die Volkskundlerin Dr. Dagmar Hänel von der Universität Bonn – andere meinen dagegen, er käme von gebräuchlich. Wie dem auch sei: im Rheinland sind bspw. Schützenfeste, aber auch der Karneval seit Jahrhunderten ein Brauch. Die Karnevalssession mit ihrer kölschen Verballhornung des preußischen Militarismus haben wir als Musikverein gerade abgeschlossen; wir erwarteten nun Maifeste und dann die Schützenfestsaison mit ihren Umzügen.

Leider machte uns ein fast unsichtbarer Virus einen Strich durch die Rechnung. So groß (für einen Virus) er auch ist – er ist immer noch zu klein, als dass Menschen ihn mit bloßem Auge sehen könnten. Einzuordnen ist Sars-CoV-2 mit einem Durchmesser von 125 Nanometern innerhalb der Gruppe von Viren, die RNA zur Vermehrung nutzen; sein Genom ist dabei dreimal so groß wie die Genome von HIV und Hepatitis C und mehr als doppelt so groß wie die von Influenzaviren.

Corona Viren = Sars-CoV-2

Für uns als Musikverein, der sich nicht primär über Mitgliedsbeiträge, sondern eher über die Teilnahme an Umzügen jeglicher Art finanziert, sind die „von oben angeordneten“ Restriktionen ein tiefer Einschnitt in die Wirtschaftlichkeit. Doch nicht nur das: auch im künstlerischen Bereich müssen wir Abstriche machen. Wie professionelle Orchester finden auch bei uns Einzel-, Register- und Orchesterproben statt. Von diesen drei Probenarten konnten wir bis zum 20. Mai leider nur Einzelproben machen.

Glücklicherweise hat unser Vereinsheim in Quadrath-Ichendorf, Auf der Helle 32a genügend Platz, damit zumindest zwei Einzelproben gleichzeitig stattfinden konnten; einmal im Vorraum zu unserem eigentlichen Proberaum und eben in demselben. Unser Uniformraum, in dem einige unserer Uniformen deponiert sind, ist dafür genauso zu klein, wie unser Notenraum, in dem das vereinseigene Notenarchiv untergebracht ist. Immerhin schreibt die Probenordnung in Zeiten von Corona, die wir vom LandesMusikVerband NRW erhalten haben, mindestens 10 m² je Musizierendem vor – neben anderen Regularien.

Dieses Jahr hätte die Saison für uns zwar ziemlich spät angefangen, doch ab dem 15. Mai wären wir bis zum 5. Juli jedes Wochenende engagiert gewesen. Wir bedauern diesen Monat, weder beim Maifest in Grefrath, noch zum Frühschoppen in Glesch aufspielen zu können. Ebenfalls abgesagt wurde das Altstadtfest in Elsdorf, bei dem wir Christi Himmelfahrt ein Platzkonzert und Sonntag einen Festumzug gehabt hätten. Traditionell hätten wir nach dem Platzkonzert ein kurzes Ständchen beim Vatertagsfest der Quadrather Buben gegeben, welches ebenfalls nicht stattfand. Auch das Kerpener Schützenfest entfällt, bei dem wir seit Jahren den Festumzug begleiten.

Entgegen landläufiger Annahme emittiert ein Blasinstrument aber wesentlich weniger – bis gar keine – Covid-19-Viren beim Spiel, als Personen, die atmen, husten oder niesen. Mediziner der Berliner Charité legten lt. FAZ (Charite-empfiehlt-Spielbetrieb-fuer-Orchester) ein Positionspapier hierzu vor, das den Spielbetrieb der Orchester wieder ermöglichen könnte. Zuvor hatten Wissenschaftler lt. Welt (wissenschaftliche Untersuchung beim Symphonieorchester Bamberg) Gleiches beim Bamberger Symphonieorchester unter Forschungsbedingungen festgestellt. Einen filmischen Eindruck, wie unbedeutend der Luftzug und damit auch der Aerosolausstoß bei Blasinstrumenten ist, vermittelt folgender ca. 1:30 Min. lange Bericht. Aktuelle Richtlinien müssten demzufolge schnellstmöglich und gravierend revidiert werden.

Wie andere Quadrath-Ichendorfer Vereine auch, hat der Musikverein „Blau-Weiss“ Quadrath-Ichendorf neben einem Hygienekonzept ebenfalls eine Corona-Anwesenheitsliste erstellt, in die sich Musizierende eintragen müssen. Leider steht in § 8, Kultur, Abs. 2 CoronaSchVO, dass Proben in atmungsaktiven Fächern (insbesondere Gesang und Blasinstrumente) bis auf weiteres nicht in Gruppen (Chor, Ensemble, Orchester) durchgeführt werden dürfen. Somit waren hier – trotz anderslautender, wissenschaftlicher Ergebnisse – bis zum 20. Mai leider nur Einzelproben möglich.

Aus o. g. Gründen waren für den Musikverein „Blau-Weiss“ Quadrath-Ichendorf nicht einmal Registerproben möglich, um wenigstens das Zusammenspiel beispielsweise der Trompeten, des tiefen Blechs oder der Klarinetten untereinander abstimmen zu können. Lediglich das Schlagwerk konnte zusammen proben, wobei natürlich dann die Melodie fehlte und sich leichter rhythmische Fehler einschlichen. Dies hat sich zum 20. Mai zwar gelockert, doch der Raumbedarf von 10 m² je Musizierendem hat sich nicht geändert. Wir benötigten somit einen Probenraum von mind. 350 m² für Gesamtproben (den wir nicht haben!).  Je länger diese Restriktionen dauern, desto mehr sinkt natürlich die Qualität im kulturellen Bereich.

Aktuelle Forschungen haben gezeigt, Musik wirkt sich positiv auf den Menschen – insbesondere auf die Entwicklung eines Kindes – aus. Seien es komplizierte Bewegungsabläufe, wie sie beim Tanzen gefordert werden, oder Marschieren in Reih und Glied, während ein Instrument gespielt wird, wie es beim Musikverein „Blau-Weiss“ Quadrath-Ichendorf der Fall ist. Dabei kann sich meist aber nicht an der Melodie anderer Musizierender orientiert werden, weil fast alle Stücke sechsstimmig gespielt werden. Somit schränkt Sars-CoV-2 nicht nur das gesellschaftliche Miteinander ein, sondern behindert auch gravierend menschliche Entwicklungen.

Aber auch diese eingeschränkte Zeit wird früher oder später beendet sein! Wir freuen uns daher zuversichtlich darauf, künftig mit Ihnen und Euch wieder gemeinsam Musik erleben zu können. Vielleicht sehen – und hören – wir uns dann auf einem Umzug, einem großen Konzert, Weihnachtskonzerten auf Märkten oder in der Kirche und im Karneval.